Technostress als neue Volkskrankheit

Wir alle geben uns der digitalen Welt hin, bauen eine eigene Identität in sozialen Netzwerken auf, teilen unser Leben, verfolgen die Aktivitäten unserer Freunde und Bekannten; soweit so normal und alltäglich. Doch da die einzelnen Plattformen und die Verwandlung des bisherigen analogen Lebens hin zum digitalen, im Vergleich zu unserer Menschheit – und Evolutionsgeschichte eine extreme Änderung in unserem sozialen und geistlichen Verhalten darstellen, bestehen natürlich auch hier Gefahren. Um die Auswirkungen auf uns Menschen besser nachvollziehen zu können, haben sich einige Forscher aus dem Bereich der Neurowissenschaften mit den Folgen im Zuge von Studien und Experimenten beschäftigt.

Erkenntnisse aus den Studien

Die Forschergruppen von der Lancaster University und 2 weiteren Forschungshäusern aus Deutschland haben das Nutzungsverhalten und die Gewohnheiten von 444 Facebook – Nutzern analysiert und dabei entdeckt, dass mit der Erhöhung des Stresslevels, nicht die Tätigkeit im gesamten beendet wird, sondern nur auf eine andere innerhalb des gleichen Netzwerks ausgewichen.

Dieser erstmal intuitiv merkwürdig wirkende Vorgang ergibt allerdings Sinn, wenn man ihn im Kontext der vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten von Social Media Plattformen betrachtet. Ihr könnt es euch so vorstellen, als wenn ein Glücksspielsüchtiger immer wieder aufs neue versucht seine Verluste mit weiteren Spielen auszugleichen. In Momenten der Ablenkung und Schwächung emotionaler Kontrolle, wird unser rationales Denken ausgeschaltet. Diese wiederholende Tätigkeit, des schädlichen und gleichzeitigem entgegenwirken derselben Tätigkeit, kann zu einer Technologiesucht führen.

Mitautorin Monideepa Tarafdar, die das Zentrum für technologische Zukunftsforschung leitet und als Professorin für Informationssysteme zuständig ist, hat in einem ihrer Vorträge auf die immer mehr verschwimmende Grenze zwischen dem Nutzen zur Stressbewältigung und dem zwanghaften Nutzen aufmerksam gemacht. 

Funktionsweise des Gehirns im digitalen Netz

Man möchte den großen Anbietern, wie Instagram, Facebook, Twitter usw. nicht mit dem Vorwurf konfrontieren, dass diese Nebenwirkungen beabsichtigt sind, allerdings muss in jedem Konsumenten von uns ein Bewusstsein für die Funktionsweise aller Plattformen entstehen. Durch die Likes und allgemein dauerhafte Bestätigung unseres Tuns, Teilens und Chattens wird unser Belohnungssystem aktiviert und schüttet Dopamin aus. Es ist die selber Funktionsweise bei einem Sportler, der seinen letzten Rekord geknackt hat. Das Problem dabei ist allerdings die schnelle Gewinnung der Belohnung, ohne dafür eine gewisse Arbeit aufgewendet zu haben. Unser Gehirn gewöhnt sich an diesen Effekt und verlangt natürlich nach immer neuen Reizen, da sich eine gewisse Toleranz aufbaut und Abgestumpftheit erkennen lässt. 

Dieses High Erlebnis in gleichzeitigem Aufkommen von einem Unwohlsein, welches durch das Vergleichen mit anderen Personen, dem gieren nach neuer Bestätigung und der dauerhaften Erreichbarkeit einhergeht, führt zu einer Spirale, die uns dazu bewegt, nicht die Tätigkeit im Ganzen zu beenden, sondern nur auf andere Varianten der gleichen Plattform auszuweichen, um so wieder kurzzeitig einen neuen Schub an Dopamin zu erwirken. In den Neurowissenschaften wird deshalb dazu aufgerufen sich immer mal wieder selber zu reflektieren, wieso mein momentaner Stress nicht abgebaut, sondern nur überschattet wird.

Mögliches Entgegenwirken

Um diesem „Technostress“ zu entgehen, konnten die Probanden grob in 2 Gruppen eingeteilt werden: die 1. Gruppe verließ das Netzwerk und beschäftigte sich analog mit anderen Interessen, unterhielt sich also mit der Familie oder mit Freunden, um so den erkannten Stress entgegenzuwirken. Die 2. Gruppe wies allerdings, wie oben angedeutet, alle Anzeichen eines Abhängigen auf und versuchte durch Ablenkungen innerhalb des Stressverursachers diesem gleichzeitig zu entgehen. Diese Form der Stressbewältigung ist neuartig und muss auch weiterhin untersucht werden.

Aus den bisherigen Erkenntnissen ist somit zu entnehmen, dass die einzige Möglichkeit einer Social Media Sucht zu entgehen darin besteht, sich bei ersten Anzeichen eines Unwohlseins, aus der digitalen Welt zurückzuziehen und anderen Interessen nachzugehen.


Mehr spannende Themen rund ums Gehirn findest du auf dem YouTube Kanal von Josua Kohberg.


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